TIERethik - Zeitschrift zur Mensch-Tier-Beziehung

Zusammenfassung

Versachlichung als Mittel zur Deutungshoheit – zur Entstehung wissenschaftlicher Begriffe im Agrartierschutz
Philipp von Gall


Zusammenfassung


Die Reform des deutschen Tierschutzgesetzes im Jahr 1972 war in vieler Hinsicht wegweisend für den staatlichen Agrartierschutz in den letzten vier Jahrzehnten. Politische Akteure aus dem Umkreis der landwirtschaftlichen Interessenvertretung unterstützten damals die Einführung neuer Begriffe im Agrartierschutz, darunter die der „artgemäßen“ oder „artgerechten“ sowie der „verhaltensgerechten“ Tierhaltung, aus denen später auch die „tiergerechte“ Haltung abgeleitet wurde. Eine Forschungsrichtung, die Aussagen darüber treffen sollte, unter welchen Bedingungen es sich um solche Haltungsformen handelt, wurde mit staatlichen Mitteln neu aufgebaut. Mit der Etablierung eines neuen akademischen Vokabulars ging die Abkehr von Begriffen einher, die den Agrartierschutz bis dahin maßgeblich prägten, insbesondere „Quälerei“ und „Misshandeln“. Durch diesen Schritt sollte die Beurteilung von Tierhaltungsformen sachlicher und vom Rekurs auf menschliche Emotionen gelöst werden. Die Distanzierung von Emotionen lässt sich aber auch als Mittel zur Interessenverfolgung deuten. In diesem Beitrag wird das philosophische Konzept der dichten ethischen Begriffe dazu genutzt, um einige dieser Interessen offenzulegen.

 

Schlüsselwörter: Agrarpolitik, Tierschutzgesetz, Dichte Begriffe, Emotion, Öffentliche Debatte